Neues vom Acker KW29

Liebe SoLawistas,

ihr habt eure Möhren gerettet – und zusätzlich noch die Rote Bete. Großartig, danke für euer Kommen. Ich lerne daraus, wir müssen schon ab und an deutlich sagen, was wir brauchen. Sonst wisst ihr es ja nicht und habt – verständlicherweise – andere Prioritäten.

Aprospos Prioritäten – ich war gestern beim überaus netten – und kulinarisch herausragenden – Treffen der Logistik-AG. Wie das so ist, kam das Gespräch von der Selbstorganisation in den Depots über ehrenamtliches Engagement im allgemeinen zur Entwicklung von Organisationen, die auf ebendieses Engagement bauen.

 

Ein paar Gedanken dazu möchte ich mit euch teilen.

Die SoLawi wurde von einigen mega engagierten Leuten gegründet. Es wurden Arbeitsfelder identifiziert, und Leute übernahmen Verantwortung für Aufgaben, manchmal Rollen, die ganze Aufgabenpakete mit sich brachten. Der Laden läuft – allerdings hauptsächlich weiterhin getragen von den engagierten Leuten der ersten Stunde. Derweil sind wir größer geworden. Zum einen, weil wir den Anbau ausgeweitet haben und mehr Anteile vergeben konnten. Hauptsächlich aber, weil unsere „großen Ernteanteile“ den meisten zu groß waren, und viele Leute auf „halbe“ oder nun „einfache Ernteanteile“ runter gegangen sind. Ihr vielen neuen Mitglieder habt die SoLawi als eine – meist – funktionierende Organisation kennengelernt. Das tut sie aber nicht ohne euer ehrenamtliches Engagement.
Ich selbst kenne den Effekt, wenn ich zu einer Organisation dazu stoße, die läuft, und ich mir weniger Gedanken darüber mache, was ich beitragen könnte, als wenn sich die Organisation in der Startphase befindet und offensichtlich noch viele Rollen zu besetzen sind. Nun gibt’s ja aber auch bei den alten Häsinnen und Hasen Fluktuation. Die muss ausgeglichen werden. Sonst bleiben die Aufgaben zwar gleich, aber die Schultern die sie tragen werden weniger. Das frustriert und wir gefährden die Motivation der tollen Leute, die den Laden am Laufen halten. Es braucht neue SoLawistas in Logistik, IT, Beirat.

Dass ihr den Bedarf nicht auf dem Schirm habt, und wir zu wenig Zulauf haben, führe ich zum Teil auf Corona zurück. Wir trafen uns auf Visions-Workshops, Sommerfesten, Vereinsgründungs-Runden, Beiratssitzungen, Mitgliederversammlungen, Bietrunden, Erntedankfest, Ackeraktionen, AG-Treffen. Man spann gemeinsam neue Projekte, fragte wie es läuft, entwickelte Lösungen, fand Mitstreiter mit Lust und Talent für alle möglichen Aufgaben. So haben viele von euch, die während der C-Zeit dazu gekommen sind, die SoLawi gar nicht erlebt, sondern eher als alternative Gemüsekiste. Da muss ich mir auch sehr an die eigene Nase fassen (und mir selbstverständlich hinterher 20 Sekunden lang die Hände einseifen). Als Neumitglied erfahrt ihr als Hauptbotschaft von uns: Ihr zahlt euren solidarischen Beitrag, organisiert euch im Depot, holt euer Gemüse ab. Und wer Lust hat, kann sich auch noch mehr engagieren. Das klingt schon arg nach Gemüsekisten-Kunden-Beziehung.

 

Die Beziehung zwischen euch und eurer SoLawi ist allerdings eher so zu verstehen:

Ihr seid Mitglieder eines Vereins, der u.a. Landwirtschaft betreibt. Das heißt, ihr seid LandwirtInnen mit 4 angestellten GärtnerInnen, die für euch den Betrieb führen, derzeit 4 angestellten Hilfskräften, außerdem habt ihr 240 ehrenamtliche KollegInnen, mit denen ihr diverse Aufgaben teilt, die nicht von euren GärtnerInnen geleistet werden. Darunter fällt, Depots zu betreuen, Kommunikation mit und Bezahlung des Kurierdienstes in die Hand zu nehmen, die IT-Infrastruktur zu pflegen, (Außenkommunikations-)Texte zu überarbeiten, Mitgliederanfragen zu beantworten, Förderungen zu beantragen, Wirtschaftspläne mitzugestalten, ein Energiekonzept für die Gärtnerei zu stricken, mit der Politik sprechen, mit geflüchteten Kindern gärtnern, bei der Mitgliederversammlung moderieren, sie mit organisieren, ein Sommerfest auf die Beine stellen, und nicht zuletzt: Sich gemeinsam zu überlegen, was die SoLawi sein soll und was nicht. Selbstredend gibt es Lebenssituationen, die auch von Dauer sein können, die kein Engagement zulassen, das über das Zahlen des Beitrages und das Holen des Gemüses hinausgeht. Wenn das ein paar von euch betrifft, können wir das als Gemeinschaft tragen. Dafür braucht’s aber ein paar mehr Schultern. Und neben all der notwendigen Organisation: Ihr habt mit eurem Verein und der Gärtnerei ein Netzwerk und einen Ort, um Projekte mit sozialem und ökologischen Mehrwert zu verwirklichen. Nutzt euren Verein.

 

Was passiert in der Gärtnerei und auf dem Acker? Die Hitze verlangsamt uns merklich – dennoch haben wir nun tatsächlich vieles gut im Griff. Die Acker-Kulturen stehen ohne viel Beikraut da, jetzt im Hochsommer ist dessen Wachstumsgeschwindigkeit langsam rückläufig. Wo bis letzte Woche noch die Devise war: Jede Woche alles einmal hacken – konnten wir uns diese Woche auf wenige Kulturen konzentrieren. Und auch die Gewächshauskulturen Tomate, Gurke, Melone, hören nun so langsam auf in alle Richtungen zu wachsen, und fügen sich in ihr Schicksal, dass wir ihnen keine Geiztriebe erlauben, die Energie von den Früchten abziehen würden, die sie doch bitteschön bilden sollen.

Um Sonnenstich vorzubeugen, haben wir beschlossen, heute nur bis mittags zu arbeiten. Gestern war’s schon grenzwertig. Das Thermometer im Schatten stand heut auf 42°C, als ich gegangen bin. Im Gewächshaus auf 49°C. Wie es wohl gewesen wäre, hätten wir nicht beschattet? Eure Gurken, als Urwald-Unterwuchs-Gewächse stehen sowieso unterm Thermoschild: Eine Art waagerechte Gardine aus Aluminium-bedampften Plastikfäden. Aber auch für Tomaten und Paprika sind diese Temperaturen zu hoch. Was wir gemacht haben, ist, das ganze Gewächshaus, inklusive der Dachflächen, mit einer Mischung aus Kalkhydrat und Wasser und einem Schuss Milch (Casein bindet den Kalk und verhindert ein sofortiges Abwaschen) zu besprühen. Die Albedo sorgt dafür dass nicht jedes Photon ins Treibhaus gelangt und den gleichnamigen Effekt antreibt. Außerdem wurde heute noch mal kräftig bewässert, die Transpiration der Pflanzen und die Verdunstung aus dem Boden kann ihre kühlende Wirkung entfalten. Hoffen wir, dass die Pflänzchen durch diesen extremen Tag kommen.

schöne Grüße von

Inga

1 Kommentar zu „Neues vom Acker KW29“

  1. Wow, Inga, vielen Dank für deinen Text!
    Ja, es ist echt krass viel und harte Arbeit, die viel Hilfe benötigt. Am Dienstag war es auch schon sehr warm und das Mulchen vom Porree hat mich an meine Grenzen gebracht. Zum Glück waren einige starke Helferinnen da!
    Ich freue mich auf die Tomaten und eine wieder stärker werdende Solawi 🙂
    Herzliche Grüße, Birte

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